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Prüfung Erfolgsaussicht Rechtsmittels

Von Norbert Schneider

In den Nrn. 2100 ff. VV sieht das RVG gesonderte Gebühren für die Prüfung der Erfolgsaussicht eines Rechtsmittels vor. Nach wie vor werden diese Regelungen kaum beachtet.

I. Die gesetzliche Regelung

Wird der Anwalt mit der Prüfung der Erfolgsaussicht eines Rechtsmittels beauftragt, gilt Teil 2 Abschn. 1 VV. Der Anwalt erhält die Gebühren der Nrn. 2100 ff. VV. Ihm darf allerdings noch kein unbedingter Prozessauftrag für das Rechtsmittelverfahren erteilt worden sein (arg. e. Vorbem. 3 Abs. 1VV). Anderenfalls wird seine Tätigkeit durch die entsprechende Verfahrensgebühr des Rechtsmittelverfahrens erfasst, die auch eine Prüfung mit abgilt (Vorbem. 3 Abs. 2 VV; § 19 Abs. 1 S. 1 RVG).

Anzuwenden ist Teil 2 Abschn. 1 VV auch dann, wenn der Mandant bereits den Auftrag zum Rechtsmittel für den Fall erteilt hatte, dass der Anwalt zu dem Ergebnis komme, es bestehe Aussicht auf Erfolg. Insoweit liegt dann nur ein bedingter Rechtsmittelauftrag vor, der gem. § 158 Abs. 1 BGB erst mit dem Eintritt der Bedingung (positives Prüfungsergebnis) wirksam wird (LG Köln AGS 2012, 385 = NJW-RR 2012, 1471). Soweit der Anwalt vom Rechtsmittel abrät, kommt mangels Bedingungseintritts der Rechtsmittelauftrag nicht zu Stande, sodass es bei der (anrechnungsfreien) Vergütung nach den Nrn. 2100 ff. VV verbleibt. Kommt der Anwalt dagegen zu einem positiven Prüfungsergebnis, wird der Rechtsmittelauftrag wirksam, sodass hierdurch die Verfahrensgebühr des jeweiligen Rechtsmittels entsteht. Die Prüfungsgebühr ist dann auf die Gebühr des Rechtsmittelverfahrens anzurechnen (s. unten IV. 2).

Ob der mit der Prüfung beauftragte Anwalt im vorangegangenen Verfahren bereits als Verfahrensbevollmächtigter beauftragt war, ist – anders als noch in § 20 Abs. 2 BRAGO – unerheblich. Die Gebühren nach den Nrn. 2100 ff. VV können insbesondere auch dann anfallen, wenn die Prüfung der Erfolgsaussicht eines Rechtsmittels durch den vorinstanzlichen Prozessbevollmächtigten erfolgt (OLG Düsseldorf AGS 2006, 482 = JurBüro 2006, 635 = RVGreport 2007, 67; LG Berlin, AGS 2006, 7). Ebenso ist es unerheblich, zu welchem Prüfungsergebnis der Anwalt gelangt und ob das Rechtsmittel nach der Prüfung eingelegt wird oder nicht.

Hinsichtlich der abzurechnenden Gebühren ist danach zu differenzieren, ob sich die Gebühren

  • nach dem Gegenstandswert richten (§§ 2 Abs. 1, 3 Abs. 1 S. 2 RVG) – dann gelten die Nrn. 2100, 2101 VV;
  • nach Betragsrahmen richten (§ 3 Abs. 1 RVG; Teil 4 bis 6 VV) – dann gelten die Nrn. 2102, 2103 VV.

Prozess- und Verfahrenskostenhilfe, Pflichtverteidigung, Beratungshilfe

Die Bewilligung von Prozesskostenhilfe für die Prüfungstätigkeit kommt nicht in Betracht (BGH AGS 2007, 360 = FamRZ 2007, 1088 = JurBüro 2007, 436 = AnwBl 2007, 634 = NJW-RR 2007, 1439). Wohl kann insoweit Beratungshilfe beantragt werden (OLG Düsseldorf AGS 2005, 567).

III. Rechtsschutzversicherung

Ist der Mandant rechtsschutzversichert, so hat der Versicherer auch die Kosten für die Prüfung eines Rechtsmittels zu übernehmen. Der Antrag auf Deckungsschutz kann auch noch nachträglich gestellt werden (AG Saarbrücken AGS 2016, 367 = NJW-Spezial 2016, 477).

IV. Abrechnung nach Wertgebühren

1. Die Vergütung

Soll der Anwalt die Erfolgsaussicht eines Rechtsmittels für ein Verfahren prüfen, in dem sich die Gebühren nach dem Gegenstandswert richten (§ 2 Abs. 1 oder § 3 Abs. 1 S. 2 RVG), so erhält er eine Gebühr nach Nr. 2100 VV in Höhe von 0,5 bis 1,0 (Mittelgebühr 0,75) und, wenn die Prüfung mit der Ausarbeitung eines schriftlichen Gutachtens verbunden sein soll, in Höhe von 1,3.

Beispiel 1: Gegen seine erstinstanzliche Verurteilung in Höhe von 20.000 Euro will der Beklagte Berufung einlegen und lässt sich beraten, ob diese Aussicht auf Erfolg hat. Der beauftragte Anwalt prüft dies und verneint die Erfolgsaussicht, so dass der Beklagte von einer Berufung Abstand nimmt.

Der Anwalt erhält folgende Vergütung:

  1. 0,75-Prüfungsgebühr, Nr. 2100 VV (Wert: 20.000 €)                      616,50 €
  2. Postentgeltpauschale, Nr. 7002 VV                                                    20,00 €

Zwischensumme                                                                              636,50€

  1. 19 % Umsatzsteuer, Nr. 7008 VV                                                     120,94 €

Gesamt                                                                                                     757,44 €

2. Anrechnung

Wird der Anwalt anschließend mit der Vertretung im Rechtsmittelverfahren beauftragt, ist die Prüfungsgebühr nach Anm. zu Nr. 2100 VV auf die Verfahrensgebühr des nachfolgenden Rechtsstreits anzurechnen.

Wird nach der Prüfung das Rechtsmittel uneingeschränkt eingelegt, sind die Gegenstände von Prüfung und Rechtsmittel also identisch, wird in vollem Umfang angerechnet.

Beispiel 2: Wie vorangegangenes Beispiel 1; der beauftragte Anwalt bejaht die Erfolgsaussicht, sodass ihm hiernach der Auftrag zur Berufung erteilt und diese auch durchgeführt wird.

Neben der Vergütung für die Prüfung erhält der Anwalt im Berufungsverfahren unter Anrechnung der Prüfungsgebühr jetzt folgende weitere Vergütung:

  1. 1,6-Verfahrensgebühr, Nr. 3200 VV (Wert: 20.000 €)                     1.315,20 €
  2. gem. Anm. zu Nr. 2100 VV anzurechnen 0,75 aus 20.000 €           -616,50 €
  3. 1,2-Terminsgebühr, Nr. 3202 VV (Wert: 20.000 €)                              986,40 €
  4. Postentgeltpauschale, Nr. 7002 VV                                                        20,00 €

Zwischensumme                                                                         1.705,10 €

  1. 19 % Umsatzsteuer, Nr. 7008 VV                                                           323,97 €

     Gesamt                                                                                                   2.029,07 €

Wird der Anwalt nach der Prüfung lediglich beauftragt, teilweise Rechtsmittel einzulegen, etwa, weil er nur teilweise zum Rechtsmittel rät und im Übrigen abrät, so findet analog Vorbem. 3 Abs. 4 S. 4 VV eine Anrechnung nur nach dem entsprechenden Wert statt.

Beispiel 3: Wie vorangegangenes Beispiel 2; der Anwalt bejaht die Erfolgsaussicht jedoch nur in Höhe von 10.000 Euro. In dieser Höhe wird ihm der Auftrag zur Berufung erteilt und diese durchgeführt.

Neben der Vergütung für die Prüfung (s. o.) erhält der Anwalt im Berufungsverfahren jetzt die Gebühren aus 10.000 Euro, wobei die Prüfungsgebühr jetzt auch nur aus 10.000 Euro angerechnet wird.

  1. 1,6-Verfahrensgebühr, Nr. 3200 VV (Wert: 10.000 €)                      982,40 €
  2. gem. Anm. zu Nr. 2100 VV anzurechnen 0,75 aus 10.000 €         -460,50 €
  3. 1,2-Terminsgebühr, Nr. 3202 VV (Wert: 10.000 €)                            736,80 €
  4. Postentgeltpauschale, Nr. 7002 VV                                                      20,00 €

Zwischensumme                                                                    1.278,70 €

  1. 19 % Umsatzsteuer, Nr. 7008 VV                                                        242,95 €

     Gesamt                                                                                                 1.521,65 €

Von der Prüfungsgebühr (s. oben Beispiel 1) in Höhe von 616,50 Euro bleiben dem Anwalt also 156 Euro anrechnungsfrei erhalten.

V. Abrechnung nach Betragsrahmengebühren

1. Die Vergütung

Für die Prüfung der Erfolgsaussicht eines Rechtsmittels in sozialrechtlichen Angelegenheiten, in denen das GKG nicht anzuwenden ist, und daher im gerichtlichen Verfahren Betragsrahmengebühren entstehen (§ 3 Abs. 1 RVG), sowie in Straf- und Bußgeldsachen und in Verfahren nach Teil 6 VV - soweit nicht ausnahmsweise Wertgebühren anfallen (Nrn. 4142, 4143 f.; 5116 VV) - richten sich die Gebühren für die Prüfung der Erfolgsaussicht nach den Nrn. 2102, 2103 VV.

Für die bloße Prüfung der Erfolgsaussicht eines Rechtsmittels (ohne Gutachtenauftrag) entsteht nach Nr. 2102 VV eine Gebühr in Höhe von 36 Euro bis 348 Euro (Mittelgebühr 192 Euro), und wenn die Prüfung mit der Ausarbeitung eines schriftlichen Gutachtens verbunden ist (Nr. 2103 VV), in Höhe von 60 Euro bis 660 Euro (Mittelgebühr 360 Euro).

2. Anrechnung

Kommt es anschließend zur Einlegung des Rechtsmittels, wird auch hier die Prüfungsgebühr auf die Verfahrensgebühr des nachfolgenden Rechtsmittelverfahrens angerechnet (Anm. zu Nr. 2103 VV).

Beispiel 4: Der Anwalt wird beauftragt, die Aussicht einer Revision gegen das Urteil des LSG zu prüfen. Er rät zur Revision, die anschließend durchgeführt wird.

Der Anwalt erhält folgende Vergütung:

I. Prüfung der Erfolgsaussicht

  1. Prüfungsgebühr, Nr. 2102 VV                                                     192,00 €
  2. Postentgeltpauschale, Nr. 7002 VV                                            20,00 €

Zwischensumme                                                                212,00 €

  1. 19 % Umsatzsteuer, Nr. 7008 VV                                                40,28 €

     Gesamt                                                                            252,28 €

II. Revisionsverfahren

  1. Verfahrensgebühr, Nr. 3212 VV                                                  576,00 €
  2. gem. Anm. zu Nr. 2102 VV anzurechnen                                 -192,00 €
  3. Terminsgebühr, Nr. 3213 VV                                                       543,00 €
  4. Postentgeltpauschale, Nr. 7002 VV                                             20,00 €

Zwischensumme                                                               947,00 €

  1. 19 % Umsatzsteuer, Nr. 7008 VV                                               179,93 €

     Gesamt                                                                                       1.126,93 €

 

 

Bild: Adobe Stock/©Kemedo
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Rechtsanwalt Norbert Schneider ist einer der versiertesten Praktiker im Bereich des anwaltlichen Gebühren- und Kostenrechts und Autor zahlreicher Fachpublikationen und Seminare. Er ist außerdem Autor der Fachinfo-Tabelle Gerichtsbezirke 2022 zur Reisekostenabrechnung und Mitherausgeber der AGS – Zeitschrift für das gesamte Gebührenrecht sowie der NZFam.